Dresden
ANTRÄGE DER FDP-FRAKTION IM DRESDNER STADTRAT

Antrag

Gegenstand: Straßenbenennung Chiaverigasse

Beschlussvorschlag:

  1. Der Durchgang von der Sophienstraße zum Schloßplatz, zwischen der Kathedrale St. Trinitatis des Bistums Dresden-Meißen (Katholische Hofkirche) und dem Dresdner Schloss wird nach dem italienischen Architekten Gaetano Chiaveri (1689-1770) benannt und trägt künftig die Bezeichnung „Chiaverigasse“.
     
  2. Die feierliche Benennung und Kennzeichnung dieses bisher noch namenlosen Weges mit geeigneten Straßenschildern und Hinweistafeln auf den bedeutenden italienischen Architekten soll aus Anlass von Chiaveris Todestag am 5. März 2007 erfolgen. Der Erste Bürgermeister wird beauftragt, alle dafür erforderlichen Vorbereitungen zu treffen. Mit dem Bischöflichen Ordinariat des Bistums Dresden-Meißen soll hierzu eine Abstimmung erfolgen, ob und falls ja, inwieweit die Katholische Kirche in die feierliche Straßenbenennung mit einbezogen werden kann.

 

Begründung

Nach den Entwürfen und unter Leitung des italienischen Barockbaumeisters Gaetano Chiaveri erfolgte bis zu seinem Fortgang aus Dresden im Jahre 1749 der Bau der Katholischen Hofkirche. Sein imposanter Sakralbau im Stile des römischen Spätbarock prägt die Stadtsilhouette seit mehr als 250 Jahren. Der nach Bernardo Belottos Beinamen benannte Canaletto-Blick wäre ohne die starke Dominanz des entgegen traditioneller Bauweise nach Südwesten ausgerichteten Kirchenschiffs lückenhaft und vermutlich nicht zu jener Berühmtheit gelangt. Denn einerseits wird dieser Blick im Vordergrund ganz we-sentlich durch die filigrane langgezogene Fassade der Kirche im Elbbogen geprägt und andererseits wären Symmetrie und Rhythmik der Turmbauten gestört. Die durch päpstliches Dekret im Jahre 1980 zur Kathedrale St. Trinitatis des Bistums Dresden-Meißen erhobene Hofkirche ist auch der letzte Barockbau Dresdens überhaupt. Die Katholische Hofkirche ist in Bezug auf ihre Grundfläche zugleich der größte Kirchenbau Sachsens.

Die Stadt preist ihre barocke Architektur als Anziehungspunkt für Touristen und wirbt in der Außendarstellung gern und häufig mit der wunderschönen Altstadt-Silhouette. Während jedoch anderen Baumeistern, wie z.B. Pöppelmann, Bähr und Semper, längst entsprechende Ehrungen zu Teil wurden, gibt es bis heute in Dresden keine einzige offizielle Stelle der Ehrung für den in Rom geborenen und u.a. in St. Petersburg und Warschau tätig gewesenen Architekten Gaetano Chiaveri, sieht man einmal von der Namensgebung des Landtagsrestaurants ab. Deshalb ist es an der Zeit, diesem großen Architekten und Baumeister endlich in gebührendem Maße zu gedenken und ihn damit wieder ins öffentliche Bewusstsein der Stadt zu holen. Mit der Benennung einer Straße nach Gaetano Chiaveri würde man zugleich auch entsprechenden Anregungen und Hinweisen aus Kreisen der Dresdner Stadthistoriker und der Katholischen Kirche nachkommen.

Der hier zur Benennung vorgeschlagene Durchgang zwischen Sophienstraße und Schloßplatz ist eine bis dato namenlose öffentliche Verkehrsfläche für Fußgänger und trägt den Charakter einer Gasse. Mit der Benennung wären weder Adressänderungen noch sonstige Folgekosten verbunden – mit Ausnahme natürlich der Kosten für die Herstellung und Anbringung entsprechender Straßenschilder und Hinweistafeln.

Bei dieser Gasse handelt es sich zudem um eine besonders von Touristen häufig und gern genutzte Wegebeziehung zwischen Theaterplatz, Zwinger und Semperoper und den Sehenswürdigkeiten im Bereich des Neumarktes. Dieser Umstand sowie die Nähe zu Chiaveris Bauwerk zeichnet den vorgeschlagenen Durchgang als angemessenen Ort der Ehrung geradezu aus.

 

Anlagen

  • Kartenausschnitt
  • Gaetano Chiaveri und der Bau der Katholischen Hofkirche
  • „Der Architekt” (Auszug aus “Episoden um die Hofkirche zu Dresden“ von Christoph Pötzsch, Tauchaer Verlag, ISBN: 3897720523, Nachdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors)

 

Anlage 1

Gaetano Chiaveri und der Bau der katholischen Hofkirche

1689    Chiaveri wird in Rom geboren.
    
1717    Nach seiner Ausbildung zieht er nach St. Petersburg (Russland).
    
1727    Chiaveri zieht nach Warschau (Polen).
    
1733    Friedrich August II. (August III.) lernt Chiaveri kennen; dieser hatte den Trauerkatafalk für seinen Vater, August den Starken, angefertigt.
    
1736    August III. beruft Chiaveri nach Dresden
    
18.09.1738    August III. erteilt den Auftrag zum Bau der Hofkirche, Chiaveri übernimmt als „Unser Architekten“ im Auftrage Augusts III. Entwurf, Planung und Leitung des Baus
    
1738    Baubeginn für die Hofkirche
    
1741    Aus Geldmangel beginnen die Bauarbeiten am Kirchenbau erstmals zu stocken. Das Interesse des Königs wendet sich verstärkt großangelegten Umbauten am Schloss Hubertusburg zu. Chiaveri beginnt mit Kuppelentwürfen für die Peterskirche in Rom.
    
1742/43    Chiaveri bezieht ein Haus in der Ostra-Allee (das Prinz-Max-Palais)
    
1749    Nach zahlreichen Intrigen und Kränkungen gibt Chiaveri seine Stellung auf und geht aus Dresden fort. Der Weiterbau der Hofkirche erfolgt fortan unter Leitung von Chiaveris ärgstem Widersacher, Oberlandbaumeister Knöffel.
    
1750    Chiaveri zieht nach Rom
    
1752    Nach dem Tod Knöffels wird Julius Heinrich Schwarze mit der Vollendung des Baus der Kathedrale betraut. Die einzige Änderung an Chiaveris Plänen: der Kirchturm 14 m höher gebaut als ursprünglich geplant.
    
1755    Fertigstellung der Hofkirche
    
1760    Chiaveri zieht nach Foligno
    
1762    Chiaveri besucht Dresden und sieht erstmals „seine“ Kirche nach der Vollendung.
    
1770    Chiaveri stirbt 80 jährig in Foligno

Quellen:

1.) Christoph Pötzsch, “Episoden um die Hofkirche zu Dresden“, Tauchaer Verlag, S. 18ff
2.) Stadtlexikon Dresden, Ausgabe 1994, Verlag der Kunst Dresden Basel, S. 199
3.) Ulrike Schäme, „Diese unsrer in Sachßen von 234 Jahren noch nicht erlebte Glückseligkeit...“, SLUB-KURIER 2001/3, S. 10ff
4.) archINFORM: Gaetano Chiaveri http://deu.archinform.net/arch/1442.htm?ID=4f5d4f11c8a82776b7fcfabf962f9d69
5.) Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon: Gaetano Chiaveri http://www.bautz.de/bbkl/c/chiaveri_g.shtml

 

Anlage 2

Auszug aus „Episoden um die Hofkirche zu Dresden“
von Christoph Pötzsch
(Tauchaer Verlag, ISBN: 3897720523, S.18-24)

Der Architekt

An einem Herbsttag des Jahres 1762 näherte sich der Italiener Gaetano Chiaveri der Stadt Dresden. Als sich das Elbtal vor ihm weitete, sah er in der Niederung der Stadt zwei große Kirchtürme: Die wuchtige Kuppel der evangelischen Frauenkirche und den filigranen Turm der katholischen Hofkirche. Chiaveri kniff die Augen zusammen, obwohl er in der abendlichen Stunde die Sonne im Rücken hatte. Ja, er konnte zufrieden sein. Die Kirche war großartig, schmal und transparent, italienisch und barock, einmalig. Er hatte sie gebaut, er war der Architekt der katholischen Hofkirche. Doch als er sich der Innenstadt näherte, schlugen die Emotionen in seiner Brust hoch. Die Zeit des Baues in der ungeliebten Stadt Dresden, die ihn angenommen hatte, war für ihn eine Qual gewesen. Sie hatten ihn nie verstanden, verstehen wollen, die lutherischen Dresdner. Und erst recht die Herren vom Oberlandbauamt mit ihrer Ablehnung seiner Stilauffassung, voran Knöffel, der Direktor!
Chiaveri hatte seinen Bau vor der Fertigstellung verlassen. Er hatte es nicht mehr ausgehalten. Intrigen und Demütigungen. Er war am Ende. Jetzt, mehr als 10 Jahre nach der Kirchweihe, sieht er die Kirche anders. Beim Bau hat er unter ihr gelitten, jetzt ist sie für ihn die schönste Kirche der Welt. Der Preis dafür war hoch, aber er war es wert gewesen.
Gaetano Chiaveri, 1689 in Rom geboren, zog es früh in die Fremde. Nach seiner Ausbildung ging er nach St. Petersburg und hatte dort ein reiches Betätigungsfeld. In Russland fand gerade die Ablösung der Holz- durch Steinbauten statt, da war ein westlicher Architekt hochwillkommen. 1727 wechselte er nach Warschau und fiel 1733 dem neuen sächsischen Kurfürsten auf. Chiaveri hatte den Trauerkatafalk für dessen verstorbenen Vater, August den Starken, geschaffen.
1736 berief August III. Chiaveri an den Hof und betraute ihn zwei Jahre später mit der Errichtung der katholischen Hofkirche. So lohnenswert die Aufgabe für den Architekten war – der besonderen Situation des Baues einer katholischen Kirche im protestantischen Sachsen war er sich schon bewusst. Im Spezialreskript  vom 18. September 1738 erteilte der König nicht nur den Auftrag, er regelte gleichzeitig die Zuständigkeiten, indem er Chiaveri als  „Unseren Architekten“ bezeichnete, ihn also sich selbst unterstellte und damit dem Zugriff des Oberlandbauamtes entzog. Dies traf das Amt tief, besonders seinen Direktor, sollte doch nun ein großer Bau ohne Einfluss des Amtes errichtet werden. Ver-härtet wurden die Fronten noch dadurch, dass sich Chiaveri strikt dem üppigen italienischen Barock verpflichtet fühlte, während in Dresden zu dieser Zeit dieser Stil bereits als veraltet galt und dafür die kühle und gemäßigte Außenfassadengestaltung des Rokoko in Mode war. So blieb Chiaveris Bau architektonisch angefeindet und in Dresden ein Anachronismus, der letzte und bedeutendste Barockbau italienischen Stils nördlich der Alpen.
Doch auch Chiaveri trug zur frostigen Atmosphäre bei. In den zehn Jahren seiner Dresdner Zeit lernte er kaum ein Wort Deutsch und konnte sich mit Bauleuten und Behörden nur durch einen Dolmetscher verständlich machen.
So sollte Chiaveri eine schwere Zeit bevorstehen. Der erste Gegner war das Militär. Der König hatte des Platz für die Kirche im Elbbogen so gewählt, dass zwangsläufig ein Teil der Festungsanlagen beseitigt werden musste. Dies verweigerte der für das Militär zuständige Gouverneur Friesen mit Hinweis auf die Sicherheit, so dass der König aus Warschau mahnen musste und Friesen aufgab, dafür Sorge zu tragen, „....damit Architecte Chiaveri an sothanem Bau im geringsten nicht gehindert, vielmehr ihm hierunter nöthigenfalls alle assistenz geleistet werde.“ Die Lage des Bauplatzes veranlasste den Architekten, auf das traditionelle Kirchbauprinzip, den Altar gen Osten zu richten, zu verzichten. Statt dessen orientierte er die Kirche in eine Südwestrichtung, die ihr die grandiose Lage im Elbbogen verleiht.
Für den Aushub der Baugrube – noch völlig ohne Technik – war ein ungeheurer  personeller Aufwand nötig. So waren im Dezember 1738 allein 333 Maurer, 109 Zimmerleute, 398 Handarbeiter, 130 Baugefangene und 780 Soldaten im Einsatz. Musste Chiaveri feststellen, dass die eingesetzten Soldaten „recht faul“ waren, konnte er mit den Gefangenen sehr zufrieden sein. So bat er den König, den Gefangenen täglich zwei oder drei Pfennige für eine warme Suppe zuzuwenden. Majestät erhöhten diese Summe von selbst auf sechs Pfennige.
Weitere Hürden bauten sich auf, als regelmäßig nach Arbeitsende die auf der Baustelle zurückgelassenen Werkzeuge verschwanden und tags darauf bei den Trödlern vor dem Pirnaischen Tor feilgeboten wurden. Erst ein entschiedenes Wort des Amtsrichters Gelenius beendete diese Praxis. Sorgen machte dem Architekten auch die hohe Zahl an Unfällen beim Bau: Bauarzt Dr. Duckwitz, der die medizinische Betreuung der Arbeitskräfte zunächst nur nebenher betrieb, suchte alsbald um eine Festanstellung an. Chiaveri ging den Arbeitsunfällen auf den Grund und fand die Ursache bald: Alkohol. So wurde der Baucontrolleur Schütze aufgefordert, „ob er nicht die vielen Brandwein-Weiber abhalten könne, die sich täglich beim Bau einfänden, und wodurch die Leute vom Bau untüchtig wurden, da sie sich öfter sehr  besöffen und dadurch sogar einander Unglück brächten.“
Als bei Sprengarbeiten zur Beseitigung der Fundamente des Walls ein Stein „bis in den großen Schloßhof geflogen, und daselbst über der Garderobe Ihrer Königlichen Hoheit des Churprinzen in der 3. Etage ein Fenster eingeschlagen“ hatte, war das für das Oberlandbauamt wieder die Gelegenheit, Chiaveris Werk zu behindern. Nun wurde der Sprengstoff für Chiaveri reduziert, was einen erneuten Bauverzug mit sich brachte.
Ob auch die Geschehnisse um die Ausschreibung für die Lieferung des Sandsteines eine vorbereitete Falle des Oberlandbauamtes war, lässt sich heute nicht mehr belegen. Fest steht jedenfalls, dass der Steinhändler Horn aus Posta, der den Zuschlag nicht erhielt, Chiaveri ein geheimes Pro memoria schickte und darin „offerirt, so ferne er die Lieferung bekäme, etwas dieserwegen im geheimen an den Architecten abzutreten, womit dieser vollkommen zufrieden sein sollte.“ Chiaveri zeigte jedoch diesen Versuch an und blieb unangreifbar.
Aber auch Chiaveris Verhältnis zu seinem Landsmann Lorenzo Mattielli, dem genialen Bildhauer und Schöpfer der 78 Heiligenfiguren auf den Balustraden der  Hofkirche, blieb unfriedlich. Vielleicht brachte aber gerade die Spannung zwischen diesen beiden Künstlern den Erfolg ihrer Zusammenarbeit.

Das Jahr 1744 bezeichnet einen Einschnitt im Bau der katholischen Hofkirche. Die Geldmittel werden dramatisch gekürzt, so dass Chiaveri teilweise sein privates Geld für offene Rechnungen vorschießen muss.
Was war geschehen? Der König hatte ein neues Lieblingsprojekt – den Ausbau des Jagdschlosses Hubertusburg. Oberlandbaumeister Knöffel, Intimfeind Chiaveris, drang auf den König ein, die Mittel des Hofkirchenbaus doch zugunsten des Schlosses Hubertusburg zu kürzen. Knöffel machte sich dabei geschickt die Jagdleidenschaft des Königs zu nutze. Leitender Architekt des Schlosses Hubertusburg war Oberlandbaumeister Knöffel...

Die letzte und entscheidende Kränkung Chiaveris wird 1747 berichtet. Über Nacht tauchte das Gerücht auf, die Wölbung des Hauptschiffes drohe einzustürzen. Chiaveri, der gelegentlich auch statische Gutachten erstellte, schwor Stein und Bein auf die Sicherheit seines Baus, vergebens. Kein Handwerker setzte mehr einen Fuß in die Kirche, nicht einmal Chiaveris italienische Landsleute, die sich neben der Hofkirche aus Baubuden und Wohnhütten ein italienisches Dörfchen errichtet hatten.
Es wird berichtet, dass Anton Raffael Mengs, der später das Altarbild für diese Kirche schuf und ein weltberühmter Maler werden sollte, unter angehaltenem Atem vieler Schaulustiger mit seinem Vater Ismael Mengs mehrmals demonstrativ über das Gewölbe ging, um dessen Standfestigkeit zu beweisen.
Der Bau konnte danach fortgesetzt werden, aber Chiaveris Kraft war zu Ende. Deprimiert verließ er Dresden und übergab den Bau seinem Nachfolger, kein anderer als Oberlandbaumeister Knöffel. Nach dessen Tod 1752 wurde Julius Heinrich Schwarze mit der Bauleitung beauftragt, der später in eigenen Bauten das berühmte Dresdner Rokoko zur Vollendung bringen sollte. Schwarze studierte die Pläne Chiaveris genau und entdeckte das einzige architektonische Manko an Chiaveris Entwurf: Der Turm war zu niedrig. Rechtzeitig griff Schwarze ein und ließ den Turm um 14 Meter erhöhen, was eine ungleich schönere Wirkung erbrachte.
So sah der altgewordenen Gaetano Chiaveri vom Rand der Stadt Dresden im Jahr 1762 „seine“ Kirche. Dieser Dresdner Aufenthalt ist kaum dokumentiert. Aber man muss annehmen, dass ihn der Anblick dieser Kirche mit Dresden wieder versöhnt hat.
Chiaveri blieb nur kurz in Dresden. 1770 starb er, 80jährig, in Foligno. Sein Tod ist im Register der Kirche S. Giovanni d Acqua registriert. Ein Porträt des großen Architekten Gaetano Chiaveri ist allerdings nicht erhalten geblieben.