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Francesco Bandarin ist seit dem Jahr 2000 Direktor des UNESCO Welterbezentrums in Paris. Im Zusammengang mit der Evaluierungsmission des Welterbezentrums gemeinsamen mit ICOMOS, dem Internationalen Rat für Denkmalpflege, am 4. und 5. März 2008 in Dresden wurde Herr Bandarin in den vergangenen Monaten mehrfach mit dem abschließenden Urteil zitiert, wonach jede Brücke am Standort Waldschlößchen unweigerlich zum sofortigen Verlust des Welterbetitels führen würde.

In einem Exklusiv-Interview stand Francesco Bandarin am 10. Mai 2008 der Sächsischen Zeitung Rede und Antwort. Auf die Frage, ob es denkbar wäre, dass das Welterbekomitee über diesen Sachverhalt ganz anders denke als das Welterbezentrum, da er, Bandarin, zwar Direktor des Welterbezentrums sei, letztlich aber das Welterbekomitee entscheiden müsse, antwortete Herr Bandarin klar und unmissverständlich: „Nein. Unsere Funktion ist es, als Kommission das Komitee als Entscheidungsträger zu unterstützen. Mit Expertisen, Gutachten, technischen Arbeiten. Denn das Komitee tagt ja nur einmal jährlich. Normalerweise gehen unsere Entscheidungen in dieselbe Richtung.“ Auf den Punkt gebracht, bedeutet dies letztlich, das Komitee entscheidet, wovon das Welterbezentrum überzeugt ist. Falls dies tatsächlich dem üblichen Procedere entspricht, wäre Bandarins Vorgriff möglicherweise taktlos gegenüber dem eigentlichen Entscheidungsgremium, würde aber am Ergebnis nichts ändern. Ob es so kommt, wird sich nun zeigen.

Bandarins Aussage ist jedoch aus einem anderen Grund interessant und bemerkenswert.
Zwar versucht er im oben zitierten Interview die Stadt nach dem vielfach praktizierten Muster erneut bloßzustellen und ihr die Schuld für die entstandenen Situation zu geben: „Der Bürgermeister kam und sagte: Wir bauen die Brücke. Was soll ich da sagen?“ Ganz so als ob er eben erst von den Plänen zum Bau der Waldschlößchenbrücke erfahren habe. Tatsache ist jedoch, dass die UNESCO über sämtliche Details zur Brückenplanung zum Zeitpunkt der Entscheidung über den Welterbetitel bestens informiert war.

Ja, aber da gab es ja noch diesen „berühmten“ Fehler im ICOMOS-Gutachten: „a new bridge is foreseen 5 km down the river“ – „eine neue Brücke ist 5 km flussabwärts geplant“. Wider besseren Wissens mussten sich Stadt und Brückenbefürworter immerhin zwei Jahre gegen den irrigen Vorwurf wehren, die Stadt hätte „fehlerhafte Antragsunterlagen“ eingereicht, und dies war noch eine der harmloseren Anschuldigungen. Nicht wenige Brückengegner, darunter auch namhafte linke und grüne Kommunalpolitiker scheuten sich noch nicht einmal zu behaupten, die UNESCO sei von der Stadt oder wahlweise dem Freistaat Sachsen bewusst getäuscht und ihr seien wesentliche Informationen und Unterlagen vorenthalten worden. Ja die deutsche UNESCO-Kommission lies sich am 26. Juni 2007 in der Süddeutschen Zeitung gar mit der Kritik zitieren, im Dresdner Antrag von 2003 seien überhaupt keine Brückenbaupläne erwähnt. Da half selbst das rationale Argument nicht, dass alle drei ICOMOS-Gutachter im Jahr 2003 im Rahmen ihrer Evaluierungsgutachten ausdrücklich auf die Brückenbaupläne eingegangen waren, mithin also auf irgendeine Art und Weise davon erfahren haben müssen.

Erst Frau Ilse Friedrich, eine der drei ICOMOS-Gutachterinnen von 2003, brachte im Rahmen eines medial vielbeachteten Vortrages auf einer Veranstaltung des George-Bähr-Forums der TU Dresden im Jahr 2007 Licht ins Dunkel der Verschwörungstheorien: „Die Antragsunterlagen zum Dresdner Elbtal habe ich damals unmittelbar aus Paris erhalten (…). Mein Gutachten habe ich ohne Hinzuziehung von Personen – also ohne Dresdner Beeinflussung – völlig selbständig und unabhängig erstellt und Anfang Dezember 2003 nach Paris gesandt. Zur Verfügung standen mir der umfangreiche schriftliche Teil der Antragsunterlagen sowie ausgezeichnetes Kartenmaterial. Ausdrücklich möchte ich hier betonen, dass auch der beabsichtigte Bau der Waldschlößchenbrücke – entgegen anders lautenden Kommentaren in den Medien und der Öffentlichkeit – nicht verschwiegen wurde … Auch wenn der Planfeststellungsbeschluss und der Bürgerentscheid noch nicht erfolgt waren, galt aufgrund des ausgiebigen planerischen und politischen Vorlaufs der Bau einer Brücke aus verkehrlicher Sicht für die Zukunft der Stadt als unabdingbar und die Waldschlößchenbrücke war für mich Bestandteil des Antrages.“

Ungeachtet dessen, dass damit sowohl die Schuldfrage hinsichtlich der fehlerhaften Ortsangabe zur Brücke im Hauptgutachten des Herrn Yukka Yokilehto endgültig geklärt und auch der Vorwurf einer mangelhaften Informationspolitik der Stadt oder des Freistaates von neutraler Stelle ausgeräumt war, stellt sich im Nachhinein die Frage, wozu diese zwei Jahre währende Diskussion überhaupt nützlich war. Sieht man einmal davon ab, dass ICOMOS im mündlichen Vortrag zur Titelverleihung auf der entscheidenden Sitzung des Welterbekomitees, seinen Fehler zur Lage der Brücke angeblich sogar noch korrigiert haben soll, so läuft das Hauptargument, dass das Welterbekomitee seine Entscheidung aufgrund der fehlerhaften Ortsangabe zur Brücke unter falschen Prämissen getroffen habe, angesichts der Aussagen von Herrn Bandarin zur Rolle des Welterbezentrums bei der Entscheidungsfindung des Komitees (siehe SZ-Interview), ohnehin ins Leere.

Wenn ICOMOS und Welterbezentrum seinerzeit von der Vereinbarkeit von Brücke und Titel überzeugt waren, ist es doch, wie uns Bandarin jetzt vermittelt, völlig unerheblich wo die Waldschlößchenbrücke nun eigentlich genau dargestellt war und auf Grundlage welcher Informationen das Welterbekomitee seinerzeit seine Entscheidung getroffen hat. Maßgeblich ist nur, wie Welterbezentrum und ICOMOS darüber gedacht haben. Der ganze Disput über die Darstellung der Brücke wäre der berühmte Sturm im Wasserglas.

Entscheidend wäre also nur noch die Frage, ob die Herren Yokilehto und Bandarin ausreichende Informationen zur Verfügung hatten, um zunächst einmal ihre persönliche Entscheidung treffen und die spätere Entscheidung des Welterbekomitees vorbereiten zu können. Dies ist jedoch eine rein rhetorische Frage! Sowohl Herr Yokilehto als auch Herr Bandarin hatten mindestens denselben Informationsstand wie Frau Friedrich. Diese hatte, wie bereits erwähnt, ihre Unterlagen seinerzeit aus Paris vom Welterbezentrum erhalten. Darüber hinaus hatten beide, mindestens jedoch Herr Bandarin, zusätzlich auch noch die Gutachten von Frau Friedrich sowie des dritten Gutachters, Dr. Jürgen Seifert, als Entscheidungsgrundlage zur Verfügung.

Im Falle von Herrn Yokilehto kommt ferner hinzu, dass er sich vom 12. bis 16. September 2003 zum Zwecke der Evaluierung des Welterbeantrages persönlich in Dresden aufgehalten hat. Er wurde während dieser Zeit vom Ersten Bürgermeister Dr. Lutz Vogel, Stellvertreter des Oberbürgermeisters und zuständig für den Geschäftsbereich Kultur, sowie Ex-Landeskonservator Gerhard Glaser, Leiter der Dresdner Welterbe-Bewerbung, und weiteren Vertretern städtischer Ämter betreut und begleitet. Dabei wurde das Thema Brücke ausführlich und erschöpfend diskutiert. Herr Yokilehto wurde über sämtliche Details zu Planungsstand, Lage und Gestalt der Waldschlößchenbrücke eingehend informiert. Dies beinhaltete selbstverständlich auch eine Besichtigung vor Ort. Selbst wenn ihm bei der Niederschrift seines Gutachtens ein Fehler unterlaufen ist, so war ihm aufgrund seines Besuches in Dresden in jedem Falle klar, an welchem genauen Ort die Waldschlößchenbrücke gebaut werden sollte und wie diese Brücke aussehen wird. Im abschließenden Hauptgutachten von 2003 beschreibt er die Brücke dann wie folgt: „Sie (Anm. die Brücke) ist schlank ausgebildet und liegt tief, um die massive Wirkung in der Landschaft zu reduzieren.“

Für Herrn Bandarin als Direktor des Welterbezentrums müssen dann zwangsläufig und ohne jeden Zweifel, sämtliche Informationen einschließlich sämtlicher Gutachten verfügbar gewesen sein. Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass er dem Welterbekomitee seinerzeit einen Vorschlag zur Anerkennung des Dresdner Elbtals als Welterbestätte unterbreitet hat, von dem er nicht selbst überzeugt war und es ist, angesichts der Rolle die die Brücke in allen drei Gutachten spielt, kaum vorstellbar, dass er nichts davon gewusst hat. Falls doch, wäre er seiner Funktion ganz offensichtlich nicht gewachsen.

Übrigens die gleiche Brücke, die Herr Yokilehto im Jahr 2003 noch als „schlank ausgebildet und liegt tief, um die massive Wirkung in der Landschaft zu reduzieren“ charakterisiert, beschreibt Herr Bandarin im zitierten SZ-Interview im Jahr 2008 wie folgt: „Die geplante Brücke ist besonders dick und massiv.“

Die UNESCO ist, das zeigen ihre Verhaltensmuster und die mangelnde Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung für eigene Entscheidungen und Fehler weder ein ehrlicher noch ein verlässlicher Partner. Besonders erschreckend ist das Maß an Verantwortungslosigkeit im Umgang mit demokratischen Entscheidungen und öffentlichen Geldern.

Ein Standpunkt der FDP-Stadtratsfraktion