Dresden
ANTRÄGE DER FDP-FRAKTION IM DRESDNER STADTRAT

Antrag

Gegenstand: Erhalt der Kindertagesstätte „Wilma“

Beschlussvorschlag:

  1. Die Kindertagesstätte „Wilma“ bleibt als Kombinations-Kindertagesstätte am Standort Wilder-Mann-Straße 13, in 01127 Dresden erhalten.
     
  2. Der Oberbürgermeister wird beauftragt, mit dem Vermieter des Gebäudes und mit dem Eigentümer des Gartengrundstücks die Möglichkeiten und Konditionen für einen Erwerb durch die Stadt zu klären. Hilfsweise ist über den Verkauf eines Teils der Gartenfläche oder ersatzweise über einen längerfristigen Pachtvertrag für das Gartengrundstück zu verhandeln.
     
  3. Dem Stadtrat ist bis September 2007 eine detaillierte und verbindliche Kostenkalkulation über unbedingt durchzuführende Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen an der Immobilie der Kindertagesstätte vorzulegen. Dabei ist klar zu trennen, welche dieser Maßnahmen ausschließlich für eine weitere Nutzung der Kindertagesstätte erforderlich sind und welche Maßnahmen der Gebäudesubstanz geschuldet sind.
     
  4. Für wertsteigernde Maßnahmen am Gebäude, die ausschließlich der Nutzung als Kindertagesstätte dienen, sind bei weiterem Betrieb der Kita auf Grundlage eines Mietverhältnisses mit dem Vermieter Konditionen auszuhandeln, die der Stadt im Falle einer Kündigung einen dem Abschreibungsgrad entsprechenden Wertausgleich sichern.

 

Begründung

Das Kinderhaus „Wilma“ ist eine Kombinations-Kindertagesstätte, die einen Kindergarten und einen Schulhort beherbergt. Gemäß aktueller Fortschreibung des Bedarfsplans Kindertageseinrichtungen für das Schuljahr 2007/2008 werden hier 23 Kindergartenplätze (für Kinder ab drei Jahren) und weitere 120 Hortplätze vorgehalten. Laut Einschätzung des Eigenbetriebes Kindertageseinrichtungen nimmt „die Kindertageseinrichtung Wilder-Mann-Straße 13 (...) mit ihrem Einrichtungskonzept nach Freinet einen wichtigen Stellenwert in der Angebotslandschaft ein. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil in der Kita-Profilierung.“

In ganz Sachsen gibt es insgesamt nur drei Kindertageseinrichtungen, die nach dem pädagogischen Konzept der sogenannten Freinet-Pädagogik – benannt nach dem Reformpädagogen Célestin Freinet (1896 – 1966) – arbeiten. Im Vordergrund steht hier die selbständige Tätigkeit des Kindes, wobei im Gegensatz zu allen anderen pädagogischen Ansätzen „Spiel“ und „Arbeit“ stets miteinander verbunden werden. Jede Tätigkeit des Kindes wird dabei entweder als „Arbeit mit Spielcharakter“ oder als „Spiel mit Arbeitscharakter“ klassifiziert. Ersteres beschreibt dabei sämtliche Tätigkeiten, die einen ganz bestimmten Zweck verfolgen (z. B. Basteln, Malen, Töpfern), letzteres erfasst alle sonstigen Tätigkeiten, bei denen nicht das Ergebnis der Tätigkeit im Vordergrund steht, sondern die Handlung. Dabei resultiert der Inhalt der konkreten pädagogischen Arbeit in der Einrichtung stets aus der alltäglichen Erlebniswelt der Kinder. Die Kinder lernen frühzeitig selbständig und eigenverantwortlich zu handeln, wobei sowohl selbständiges Handeln als auch die Arbeit im „Team“ praktiziert wird. Insoweit schafft die Freinet-Pädagogik ein reales Modell der Welt der Erwachsenen.
Die starke Praxisorientierung und variierende Organisationsformen mit unterschiedlichen Zusammensetzungen der handelnden Gruppen bei den verschiedenen Tätigkeiten der Kinder stellt hohe Anforderungen an die räumlichen Voraussetzungen der dafür vorgesehenen Einrichtungen.
Aufgrund der geschilderten Besonderheiten der Freinet-Pädagogik ist es unmöglich, das Konzept der Wilma an einer anderen Kindertageseinrichtung umzusetzen, wenn diese nicht ohnehin schon nach diesem pädagogischen Konzept arbeitet oder ihr gesamtes Konzept auf diese Form umstellt. Sofern das Konzept an einer anderen Einrichtung komplett übernommen werden soll, wäre dies nur möglich, wenn die Einrichtung auch die dafür erforderlichen räumlichen Voraussetzungen hat.
Die von der Stadtverwaltung vorgeschlagene Schließung des Kinderhauses „Wilma“ bei „Aufnahme“ der Hortkinder im Schulhort der 56. Grundschule und Verteilung der Kindergartenkinder auf verschiedene Einrichtungen im Ortsamtsbereich hätte die dauerhafte Zerstörung dieses reformpädagogischen Ansatzes in Dresden zur Folge.

Dabei sind die von der Verwaltung aufgeführten Gründe für die Schließung der Wilma nicht nachvollziehbar. Der Mietpreis und die Grundstückspacht für die Nutzung der Einrichtung am jetzigen Standort liegen auch nach einer Anhebung der Miete von 1,70 EUR auf 1,90 EUR pro m2 weit unter dem ortsüblichen Durchschnitt. Eine Schließung aus Gründen dringend erforderlicher Brandschutzmaßnahmen bei gleichzeitigem Umzug in eine ebenfalls brandschutztechnisch dringend sanierungsbedürftige Einrichtung erscheint wenig sinnvoll. Hinsichtlich notwendiger Investitionen und Konditionen für die Nutzung des Gartengrundstücks ist für den Stadtrat bisher nicht erkennbar, dass mit den Eigentümern keine Einigung erzielt werden könnte.
Zudem wird die Einrichtung dringend gebraucht, da der Bedarf in Trachau schon jetzt nicht gedeckt werden kann. Der für die Aufnahme der Hortkinder vorgesehene Schulhort der 56. Grundschule ist laut Bedarfsplan und Betriebserlaubnis überhaupt nicht in der Lage, die im Falle einer Schließung der Wilma wegfallende Kapazität an Betreuungsplätzen auch nur annähernd zu kompensieren. Für den Verbleib der Kindergartenkinder gibt es überhaupt kein Konzept seitens der Stadtverwaltung. Die beabsichtigte Verteilung auf andere Einrichtungen hätte die Zerschlagung gewachsener sozialer Strukturen zur Folge.

Zusammenfassend muss festgestellt werden, dass das pädagogische Konzept des Kinderhauses „Wilma“ einen wichtigen Stellenwert in der Angebotslandschaft der Landeshauptstadt Dresden hat. Die für die beabsichtigte Schließung seitens der Stadtverwaltung vorgeschlagenen Lösungen für Kita- und Hortbereich werden zwangsläufig dazu führen, dass dieses Konzept dauerhaft zerstört wird. Im Übrigen sind die bisherigen Vorschläge nicht geeignet, die benötigte Anzahl an Betreuungsplätzen überhaupt zur Verfügung zu stellen. Bei all dem sind die Gründe der Verwaltung für die Schließung in weiten Teilen nicht nachvollziehbar und es wird insbesondere nicht erkennbar, dass die Stadt tatsächlich schon alle Möglichkeiten für den Erhalt der Einrichtung am jetzigen Standort ausgeschöpft hat.